Wie allgemein bekannt ist, umfasst Kreativität weit mehr als die Begabung, ein schönes Bild zu malen oder ein Instrument zu erlernen oder zu spielen. Angesichts einer Welt, die sich ständig verändert, sind innovative Lösungen, flexibles Denken sowie die Offenheit, neue Wege zu beschreiten, von enormem Wert. Diese Fähigkeiten frühestmöglich zu fördern, ist in der Regel nicht die alleinige Aufgabe von Bildungseinrichtungen. Vielmehr geht es um eine gemeinsame Aufgabe von Eltern und Schule, die zusammenarbeiten müssen, um das kreative Potenzial jedes Kindes vollständig zu entfalten.
Die Bedeutung von Kreativität: jenseits von Musik und Kunst
Um über konkrete Fördermaßnahmen diskutieren zu können, ist es wichtig, die komplexe Bedeutung von Kreativität zu verstehen.
- Fantasie anregen: Rollenspiele nutzen, eigene Geschichten erfinden oder Fantasiewelten mit einfachen Materialien erschaffen. Alle diese Dinge haben eine Sache gemeinsam, sie stärken das Vorstellungsvermögen von Kindern. Diese Welt innerer Bilder hat eine zentrale Bedeutung für das Abstrahieren und hilft beim Verständnis komplexer Zusammenhänge.
- Lernen fördern: Der Lernprozess lässt sich mithilfe kreativer Methoden verbessern. Ob ein Schüler eine Figur aus der Geschichte in einem selbstverfassten Theaterstück verkörpert, eine naturwissenschaftliche Formel mit einer Eselsbrücke verknüpft oder ein physikalisches Prinzip durch originelle Bastelarbeiten versteht – kreative Verbindungen erwecken Lerninhalte zum Leben und machen sie einprägsam und verständlich.
- Selbstvertrauen aufbauen: Kreativität gedeiht durch das Entwickeln eigener Ideen und stärkt dabei das Selbstbewusstsein.
Kreativität im Schulalltag fördern: Vom Unterrichtskonzept zur Schulkultur
Die Schule ist ein zentraler Lern- und Lebensraum und sollte dementsprechend eine Fülle von Möglichkeiten bieten, um kreatives Denken zu fördern. Das muss allerdings weit über den Kunst- und Musikunterricht hinaus funktionieren.
- Kreativpausen einbauen: Kurze, fünfminütige Impulse wie „Think-Pair-Share“-Phasen (zunächst allein nachdenken, anschließend im Austausch mit dem Partner), das skizzenhafte Visualisieren einer gerade erlernten Sache oder ein knappes Brainstorming aktivieren bestimmte Denkareale im Gehirn.
- Projekte und AGs als kreative Freiräume: Projektorientierter Unterricht, bei dem Schüler über einen längeren Zeitraum hinweg an einem selbst gewählten Thema arbeiten, fördert die Kreativität in besonderem Maße. Die Kinder müssen forschen, planen, improvisieren und ihr Ergebnis präsentieren. Arbeitsgemeinschaften wie Theater, ein Schulradio oder ein Schulgarten bieten zudem den nötigen Freiraum, um Leidenschaften zu entdecken und ohne Notendruck weiterzuentwickeln.
An einigen Schulen in Niedersachsen hat sich gezeigt, dass solche Angebote vor allem dem Gemeinschaftssinn zugutekommen. - Eigene Ideen umsetzen lassen: Eine zentrale Rolle spielt die Abkehr von strikten Vorgaben und die Hinwendung zu ergebnisoffenen Aufgaben. Die Anweisung „Stellt den Wasserkreislauf dar“ ist beispielsweise deutlich anspruchsvoller als „Malt Seite 42 aus“. Hier könnten Schüler zwischen einem gebastelten Modell, einem Comic oder einem Gedicht wählen. Der Prozess hin zu einer eigenen Lösung weckt nicht allein die kreative Ader, sondern fördert zugleich Problemlösekompetenzen
Kreativität zu Hause anregen: Der familiäre Nährboden für Ideen
Das Elternhaus stellt den ersten und bedeutendsten Ort dar, an dem Kreativität gedeihen oder leider auch verkümmern kann. Besonders die Haltung der Eltern kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu:
- Malen und Basteln ohne Perfektionsdruck: Daheim sollte stets das kreative Tun im Vordergrund stehen, nicht das perfekte Endprodukt. Hier eignen sich zum Beispiel kostenlose Bilder zum Ausmalen aus dem Internet, die sich nach Belieben gestalten lassen. Beim Basteln mit Schere und Kleber wird insbesondere die Feinmotorik gefördert. Auch das klassische Malen nach Zahlen bringt einige kognitive Vorteile mit sich. Darüber hinaus gibt es viele kreative Beschäftigungsideen für zuhause, die nicht nur Spaß machen, sondern das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern stärken.
- Günstige Materialien nutzen: Kreativität muss nicht zwangsläufig teuer sein. Ein Vorrat an Alltagsgegenständen wie Klopapierrollen, Eierkartons, Wollresten und alten Zeitungen bietet oft mehr Inspiration als fertige Spielzeuge.
- Freiraum lassen und Langeweile zulassen: Ein durchgeplanter Alltag ist der größte Feind der Kreativität. Kinder brauchen Zeitspannen, in denen sie sich auch einfach mal langweilen dürfen. Denn aus genau dieser Langeweile entsteht der Drang, selbst etwas zu machen, sich etwas auszudenken und die eigene Fantasie als Spielpartner zu entdecken.
Schlussfolgerung: Kreativität zeigt sich in vielen Formen
Nicht alle Kinder haben eine Leidenschaft fürs Malen oder Basteln und das ist absolut in Ordnung. Kreativität kann sich in unzähligen Formen manifestieren: im musikalischen Ausdruck, im Sport oder sogar beim Meistern von Alltagsaufgaben. Es ist wichtig, diese verschiedenen Talente zu erkennen und zu schätzen. Jedes Kind bringt ein „gewisses Etwas“ mit, das gefördert werden möchte. Schätzen Eltern und Schule diese Vielfalt und fördern sie mit aller Kraft, können Kinder ihr Potenzial auf ganz persönliche Weise entwickeln.









